Über das Projekt

„In zwei Sprachen zu Hause“ ist ein Erzählprojekt für Kinder und Jugendliche  mit Fluchterfahrung.

Der Krieg, die Flucht, das Ankommen in einer neuen Lebenswelt – Flüchtlingskinder haben viel zu verarbeiten. Die Verbalisierung von Lebensgeschichte spielt dabei eine zentrale Rolle. Auch wenn der Erwerb der deutschen Sprache die Basis legt für eine gelingende Integration und rasch in den Mittelpunkt pädagogischer Bemühungen rückt, ist die Verarbeitung des Erlebten eng geknüpft an den Gebrauch der Muttersprache. Die Kinder werden sich dabei der Sprache bedienen, in der sie ihre Gefühle und ihr Leben am besten ausdrücken können. Nur in ihrer Muttersprache (und natürlich in Bildern oder in musikalischer oder performativer Form) finden sie zunächst den Freiraum, um die Komplexität des Erlebten zum Ausdruck zu bringen.

Es ist unser Anliegen, hier ankommende und angekommene Kinder zum Erzählen zu animieren, das Erzählte schriftlich oder bildlich festzuhalten und gemeinsam mit ihnen durch Übersetzung ins Deutsche zu bringen. Dabei geht es uns weniger darum, den Deutsch Sprechenden zu vermitteln, was die Kinder erzählen, sondern  vor allem um einen Akt der Sprachaneignung für die Flüchtlingskinder selbst. Wenn ein muttersprachlicher Text von einem Kind – gegebenenfalls mit Unterstützung – in einem bewussten Prozess ins Deutsche übersetzt und damit etwas Eigenes auf Deutsch – ein Buch mit der eigenen Geschichte – geschaffen wird, dann wird damit auch für die Kinder die fremde Sprache vertrauter, zu etwas Eigenem. Sprachbewusstsein und Identität werden gestärkt.

Über solche Vermittlungsprozesse wissen mehrsprachig aufgewachsene (und ganz wichtig: gerade hier aufwachsende) Menschen und natürlich auch Literaturübersetzer sehr gut Bescheid. Dieses Wissen, diese Übersetzungskompetenz wollen wir in die Integrationsarbeit einfließen lassen.

Anknüpfen können wir dabei an die Erfahrungen, von denen uns gerade Arabisch-Übersetzer sowie Übersetzer der „Jungen Weltlesebühne“ berichten, einem Zusammenschluss von Literaturübersetzern, die Lesungen für Kinder und Jugendliche in Schulen und Büchereien organisieren: „Dolmetschen und Kulturtransfer sind für viele Berliner Kinder Selbstverständlichkeiten; die Probleme, die den Literaturübersetzern am Schreibtisch begegnen, sind Teil ihres Alltags. Gerade diese Kinder genießen die Gelegenheit, über die Schwierigkeiten und Überraschungen zu sprechen, die man erlebt, wenn man sich zwischen zwei Sprachen und Kulturen hin- und herbewegt.“ Sie werden daran erinnert, dass jede Sprache, auch die „fremde“ Sprache, etwas Besonderes, etwas zu Würdigendes ist – und nicht ein Faktor der Ausgrenzung.

„In zwei Sprachen zuhause“ initiiert Workshops an Schulen, in Willkommensklassen, Bibliotheken und Jugendzentren an verschiedenen Orten in Deutschland. Projektleiter und Mentoren sind Übersetzer, die hierbei mit qualifizierten Pädagogen zusammenarbeiten. Die Erzählformen werden mit den Kindern zusammen erarbeitet, vom kleinen Comic bis zur Erzählung im engeren Sinne. Die Texte werden abschließend in einem Sammelband veröffentlicht; wichtig ist, dass am Ende das eigene Erzählte in beiden Sprachen vorliegt, ihr Werk den Kindern in beiden Sprachen „gehört“.